Montag, 24. Oktober 2011

enge Horizonte

Super, schon 2 Wochen her seit meinem letzten Eintrag… Ist es krass, wie schnell die Zeit hier vergeht! Da denkt man: Okay, das mache ich morgen – und dann ist es gleich wieder Wochenende und die Wochenenden vergehen noch schneller als die Arbeitstage (wie das halt so ist…)

Also mal eine Kurzzusammenfassung: Unter der Woche bleibt mir neben der Arbeit nicht viel Zeit für Unternehmungen. Einmal die Woche habe ich meine Russischstunde, dann hin und wieder eine Veranstaltung vom Goethe aus oder ein gemütlicher Abend bei einer heissen Schokolade mit Freunden. Die Wochenenden sind vollgepackt mit Verabredungen, Sightseeing und – bisher echt jedes Wochenende – einem Shoppingtrip in der Galereja….

Bei den Verabredungen sind so gut wie immer RussInnen dabei, so dass auch die Sprache nicht zu kurz kommt. Teilweise bin ich total euphorisch, wie gut es schon läuft – und manchmal auch wieder frustriert, weil ich doch auch gerne mitlachen möchte, aber nicht mal kapiert habe, dass einer ein Witz erzählt hat:P Ich habe letzthin gelesen, dass man sich beim Sprachenlernen immer die Frage stellen muss: Hätte ich das vor 3 Monaten verstanden? Und in diesem Falle steht es vielleicht gar nicht so schlecht um mich.

Auf der Arbeit bin ich momentan fast ständig am Übersetzten, und ich finde, es geht wirklich schon schneller und ich muss weniger nachschlagen. Aber trotzdem gibt es dann wieder Texte, wo ich 10 Minuten für 2 Sätze brauche und die Wände hochgehen könnte.

Die Wände hochgehen hätte ich auch am letzten Samstag können. Wie ihr wisst, verliere ich so gut wie nie die Beherrschung, aber bei so viel Ignoranz konnte ich nicht mehr anders, als den guten Mann auf Englisch anzuschreien (vor Wut kam mir kein einziges russisches Wort mehr über die Lippen):

Samstagmorgen bei Karin in der Kommunalka: Wir sitzen mit ihren Nachbarn gemütlich beim Frühstück, und ich erkundige mich, ob sie schon gehört hätten, dass Gaddafi erschossen worden sei. Das stimme sowieso nicht, meinte der eine, das hätten sie nur so gesagt, damit er nicht mehr weiter gesucht werde und in Ruhe seinen Lebensabend verbringen könne. Genau wie auch Saddam Hussein und Bin Laden…

Okay ja, die russische Vorliebe für Verschwörungstheorien habe ich schon öfters angetroffenDann aber verkündet der sympathische, nicht mal so ungebildete junge Russe doch tatsächlich, dass er Gaddhafi für einen guten Herrscher gehalten habe und es eine Schande sei, dass die Nato die Rebellen unterstützt habe.

Ich beginne ihm – ein bisschen fassungslos aber noch ruhig – zu erklären, dass Gaddhafi zwei unschuldige Schweizer als Geissel gehalten habe und die Schweiz dreiteilen wollte.

Er hört mir überhaupt nicht zu (oder versteht mich nicht), und debattiert weiter über die guten Ölpreise unter Stalin und dass er nicht verstehen könne, warum in Westeuropa so negativ über Hitler gedacht werde (!!!!!!!!)

Oh Gott, ich war sooo wütend. Wie kann man nur so schrecklich beschränkt sein??

Karin hat mir dann aber beruhigend die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt, ich solle mich beruhigen, eine Diskussion führe zu nichts und ausserdem sollte man sich bezüglich politischer Themen nicht mit Russen anlegen, das könnte böse rauskommen.

Sie hatte natürlich recht. Ich hielt also meinen Mund.

Ich habe heute noch mit Kira darüber gesprochen, warum so viele (junge) Russen ein derart verschrobenes Weltbild hätten. Ich habe ihn damit „entschuldigt“, dass halt in Russland so viele Probleme herrschen, dass sie sich einfach nach einer eisernen Hand sehnen, die mit dem ganze Chaos aufräumt (und nebenbei noch mit den Usbeken/Kasachen kurzen Prozess macht), dass sie die Gewalt und Ungerechtigkeit, die in solchen Systemen herrscht(e), in Kauf nehmen.

Kira meinte aber, dass sie ganz einfach einen beschränkten Horizont hätten, nie aus Russland rausgekommen sind und einfach zu faul, über solche Dinge kritisch nachzudenken.

Aber Schluss mit Politik.


Am Freitag fahre ich für 4 Tage nach Helsinki… mit wem wohl? :D :D :D

Ganzganzganz vieli liebi Grüess (uuuä, han grad s scharfe S uf de Tastatur gsuecht – so „assimiliert“ bini scho:P) xxxxxx

Ps. Wie versprochen noch ein Bild meiner neuen Frisur (ist inzwischen aber schon wieder nachgewachsen)


Dienstag, 11. Oktober 2011

2x Welt

Was antwortet man darauf, wenn man erfährt, dass die Gastmutter seit Jahren 150% (!) als Psychologin arbeitet und trotzdem nur 660 fr. im Monat verdient? Wie reagiert man, wenn sie erzählt, wie ihr Sohn sie in den 90-Jahren weinend bei der Arbeit angerufen hat, weil er so hungrig war, aber nichts zu essen da war und sie ihm auch nichts kaufen konnte?

Und die Zukunft wird nicht besser, sagt sie. Sie sucht kein Mitleid, kein Verständnis. Sie wirkt auch nicht pessimistisch. Nur vielleicht etwas verbittert. Aber wie soll sie auch noch weiter hoffen, wenn ihr stets ein besseres Leben versprochen wurde und sich dann doch nichts geändert hat?

Ganz anders gestern Abend: Nach einer Lesung durften Karin und ich mit der Bibliothekarin und Thomas Lehr (googeln!) essen gehen und wurden danach sogar noch auf ein Glas Wein beim Direktor zu Hause eingeladen. Klein Ursina das erste Mal in einer Diplomatenwohnung... Die klügsten Gespräche über Russland, die ich je gehört habe. Wenn ein Autor wie Lehr seine ersten Eindrücke über Piter schildert, tönt das wie Musik. Und wenn man Dahlhaus zuhört, wie er von seinen Erlebnissen in den Goethe-Instituten in Kairo, Damaskus oder Istanbul erzählt und was für interessante Leute er kennt, könnte man meinen, das Glück auf Erden läge in einer Diplomatenlaufbahn begraben.
Als Karin und ich uns spät Abends auf den Heimweg machten, konnten wir gar nicht richtig glauben, was wir eben erlebt hatten. Es war, als hätten wir einen Blick in eine Welt erhascht, die nach ihren eigenen Regeln spielt, eine faszinierende, geheimnisvolle, aber auch unwirkliche Welt.

Und andererseits eben reale Leute wie Ludmilla, die Tag und Nacht arbeiten und sich doch nichts leisten können (und auch keine Zeit haben, darüber nachzudenken, weshalb die Petersburger Kulturszene so viel konservativer als diejenige in Moskau ist), oder Dmitris Freundin, die gerade mal 430 Fr. pro Monat verdient, aber bis 9 Uhr Abends arbeiten muss. Und ich muss ehrlich sagen, die Lebensmittelpreise sind gar nicht viel billiger hier als bei uns.
Zwei total verschiedene Welten, die innert 24 Stunden in meinem Leben zusammengecrasht sind. Und mich zum Nachdenken gebracht haben.

Auch ein bisschen nachdenklich stimmt mich übrigens meine neue Frisur! Eigentlich habe ich nur die Fransen geschnitten, aber was soll ich sagen... Shit happens! Vielleicht sollte man mit einem CH-Face keine russischen Schnitte ausprobieren. Die Friseurin trifft übrigens keine Schuld, ich war froh, dass sie nach meiner stümperhaften Beschreibung überhaupt verstanden hatet, dass ich zum Haareschneiden hergekommen bin.
Naja, bis ich wieder zurück bin, sind sie wahrscheinlich nachgewachsen;) Foto folgt... Liebe Grüsse!

Sonntag, 9. Oktober 2011

news of the week


Guten Morgen! [jetzt ist zwar Abend, aber als ich angefangen habe, war’s Morgen;)]

Tut mir leid, dass ich mich so lange nicht mehr gemeldet habe! So viel los immer…. Ich weiss gar nicht, wo ich beginnen soll, deshalb beginne ich mit… Gestern!

Um 1 habe ich mich mit Jana getroffen (diejenige aus dem Kaukasus). Ich habe euch ja schon von ihr erzählt. Sie ist echt total super. Ich habe bei ihr überhaupt keine Hemmungen, einfach mal drauflos zu quatschen und darf auch nach dem 10. Mal noch lieb lächeln und sagen, dass ich keinen Schimmer habe, was sie mir sagen möchte. Und sie erklärt nochmals und nochmals und nochmals. Einzig ein bisschen schwierig war, dass sie mir so viel von ihrer Heimat erzählt hat und was es da für gute Sachen zu essen gibt – ich natürlich immer ganz freundlich „ooo, nein, das kenne ich nicht, aber tönt ja total lecker“, worauf sie mir immer versprochen hat, ihrer Mutter zu schreiben, ihr eine Kostprobe für mich zu schicken… Rechne jeden Moment mit einer Lastwagenlieferung vor meinem Haus :D Ich versuche bisweilen, mich mit echter Schweizer Schokolade (natürlich mit Bergen, Kühen und Edelweiss drauf) zu revanchieren:P
[Wann immer es auch etwas auch nur annähernd Interessantes zu sehen gibt, platziert Jana mich davor, streicht meine Haare zurecht, drückt dem nächstbesten Mann die Kamera in die Hand (Frauen können nicht fotografieren, sagt sie) und KLICK! ]

Danach fand im Goethe-Institut die Vorstellung der russischen Ausgabe eines Comicbuches von Mawil (Berliner Comiczeichner und wie es scheint auch erfolgreich) statt.

Dabei ist das Dümmste passiert, was meiner Meinung nach bei einer solchen Veranstaltung überhaupt passieren kann. Aber von vorne: Ich musste für die Vorstellung einen Wettbewerb zusammenstellen (scheint eine meiner Hauptaufgaben zu sein:P) und hatte die – wie ich finde – echt kreative Idee, eine Seite aus seinem Comic zu nehmen, den Sprechblasentext zu entfernen und die Teilnehmer die oben hingeschriebenen Textstücke der richtigen Blase zuzuordnen. Als um halb 5 die ersten Gäste eintrudelten, stand ein junges Paar ganz interessiert über das Mäppchen gebeugt, worauf ich zu Kira meinte, wir könnten doch schon anfangen, die Blätter zu verteilen. Sie ging also zu dem jungen Paar hin, begrüsste sie und fragte, ob sie an unserem Wettbewerb teilnehmen möchten… Der junge Mann lächelte, drehte sich zu uns um und sagte: „Ä, ich bin Mawil, der Zeichner.“ Hähä….. Er hat’s uns aber nicht übel genommenJ

[Karin, Mawil und ich]

Die Veranstaltung selbst war dann auch ganz spannend, ich habe die russische Ausgabe gekauft und er mir sogar eine Zeichnung reingemalt.

Vorgestern Abend wollte ich eigentlich ins Theater, aber bin dann doch mit Karin (Praktikantin) zu Freunden von ihr zum Essen gegangen. Ebenfalls dort waren etwa 8 StudentInnen aus Italien, Österreich, Deutschland, Taiwan und Japan, allesamt miteinander verbunden durch das waghalsige Unternehmen, sich der russischen Sprache zu bemächtigen. Mal abgesehen davon, dass es ein sehr lustiger Abend geworden ist (und ich so viele Kekse gegessen habe, dass ich Stunden später im Bett lag und am liebsten… hätte (und ja, es waren die Kekse, nicht das Bier:-) hat mich dieser Abend unheimlich motiviert, weil wir uns echt zu 93% nur auf Russisch unterhalten haben und wir uns vor allem VERSTANDEN haben! Ich war nachher ganz euphorisch. Vielleicht geht’s ja langsam doch aufwärts…?

Am Dienstag hat das GI mit viel Tamtam den Seminarraum in „Dresden“ umgetauft. Nicht einfach aus Langeweile etwa, sondern, wie mir Herr Dahlhaus höchstpersönlich erklärt hat, weil Dresden ein sehr wichtiger Partner fürs GI Petersburg ist. (Das kam so: Ich habe ihn danach in der Küche getroffen und weil mir grad nichts Besseres eingefallen ist (mir fällt NIE was ein, worüber ich mit meinen „Kolleginnen und Kollegen“ sprechen könnte – Vorschläge???) habe ich gefragt, ob’s ihm Spass gemacht hätte. Worauf er mich ernst angeschaut und gesagt hat: „Frau G., das ist die falsche Frage!“ Okaaay, dachte ich schon, was kommt jetzt?!, aber er war dann ganz lieb und hat mir eben erklärt, wie wichtig es ist, mit solchen Aktionen die Beziehungen zum Bürgermeister etc. zu stärken, weil die halt am Hebel sitzen… Deshalb lautet die richtige Frage: War die Taufe ERFOLGREICH?

So geht das also. Aber nicht, dass ihr jetzt denkt, unser Direktor wäre ganz ein gemeiner Kautz. Denn eigentlich mag ich ihn sehr, weil er wirklich bemüht ist, mich hinter die Kulissen blicken zu lassen. Deshalb bin ich auch bei den Sitzungen immer dabei und wenn ich grad nichts zu tun habe sollte ich einige Ordner durchlesen, damit ich das „Geschäft“ etwas besser kennen lerne. Und er hat ja auch recht, dass man sich als Goethe-Institut mit solchen Leuten möglichst gut stellen sollte - und die halt drauf ansprechen, wenn man einen Seminarraum nach ihrer Stadt benennt... ;)

Neben meiner wöchentlichen Russischstunde habe ich nun auch eine sympathische Tandempartnerin gefunden (d.h. wir sprechen eine Stunde Deutsch und eine Russisch und profitieren beide davon). Aber ist schon so, dass neben der Arbeit nicht viel Zeit bleibt, um sich ernsthaft mit Grammatik und Vokabeln auseinander zu setzen. Ich bin auch froh, bereits während meines Sprachaufenthalts 2009 ein 2-monatiges Touriprogramm absolviert zu haben – jetzt fehlt mir schlicht die Zeit dazu.

Gäbe natürlich noch vielviel mehr zu erzählen, aber ich denke, das reicht mal so fürs erste. Wie ich zu einer von Gazprom gesponserten Billard-Stunde gekommen bin, erzähle ich euch exklusiv beim Skypen!:D (ja, erraten, ich möchte mal wieder eure Honigstimmchen hören! Und selbst CH-dütsch rede... hüt isch au komisch xi - me händ ein voreme museum troffe und zerst uf hochdütsch gredet - bis mir mol usegfunde händ, dass mir beidi kei dütschi sind :D haha. so wit bini scho. nochher hämmer nat. uf dialekt gwechslet - hät sich ganz komisch agfühlt, wiedermol normal zrede... drum ebe: dringend skype!! küüüüüsslis